Objekt 50b Topfpflanze

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Unter der internen Katalogsbezeichnung Objekt 50b Topfpflanze wird die ausgestellte Topfpflanze im Rahmen der Ausstellung „Wunderkammer modern. 50 Jahre – 50 Objekte“ im Stadtmuseum Kassel (2021/22) geführt. Es ist Teil der Objekt 50 Installation. Die Präsentation wurde von Felix Böhm, Martin Böhnert, Anna Meywirth und Paul Reszke in Zusammenarbeit mit dem Team um Ausstellungskuratorin Martina Sitt entwickelt.

Ausstellungsobjekt

Objekt 50b Topfpflanze 50 Tage nach Ausstellungseröffnung.

„Objekt 50b Topfpflanze” besteht aus einer Duftpelargonie (Pelargonium citrosum, umgangssprachlich auch Zitronengeranie) im Topf, die auf einem Sockel ausgestellt wird. An der vorderen, linken und rechten Seite des Sockels befindet sich je eine Texttafel, welche das Objekt jeweils unter einer anderen Überschrift perspektiviert – „Asketische Topfpflanze“, „Bühne frei für die Natur“ und „Apathische Topfpflanze“.

Hintergrund

Wie auch bei den Objekten 50a Eisbär und 50c Hoodie geht es darum, das Objekt durch unterschiedliche Perspektivierungen in seinen gesellschaftlichen und kulturellen Verstrickungen zu beleuchten. Während der erste Blick auf die Topfpflanze ohne das Lesen der Begleittexte den intuitiven Zugang mit individuellen Assoziationen und Vorerfahrungen erlaubt, sollen die Texttafeln das Objekt aus jeweils einer anderen Perspektive beleuchten: „Asketische Topfpflanze“ (Über Klimawandel sprechen), „Bühne frei für die Natur“ (Vom Klimawandel erzählen) und „Apathische Topfpflanze“ (Über Klimawandel nachdenken). Die Pflanze als ‚lebendiges Objekt‘ repräsentiert innerhalb der Installation die Natur. Über die Dauer der Ausstellung wird sie vertrocknen – das macht die Pflanze zur Hauptdarstellerin einer Performance, die gesellschaftliche und ökologische Fragen im Kleinen visualisiert. Das nach Zitrone duftende, langsam sterbende Gewächs eröffnet somit zahlreiche unterschiedliche Interpretationsansätze: Sie kann Sinnbild der Klimakatastrophe und unseres vertrocknenden Planeten sein, Sinnbild für die Macht des Menschen über die Natur oder Fragen nach einer moralischen Verpflichtung pflanzlichen Lebewesen gegenüber aufwerfen. Hierdurch wird die ausgestellte Pflanze als in ökologisch, gesellschaftlich, politisch, ökonomisch, technisch und kulturell verankerten Zusammenhängen verstanden, welche weit über die natürliche Erfassung als Pelargonium citrosum hinausreichen.

Exponatsbeschriftung

Asketische Topfpflanze (sprechen)

Wenn man mit Pflanzen spricht, wachsen sie besser – sagt man so. Menschen assoziieren mit kommunikationsfähigen Lebewesen oft eine höhere Form der Intelligenz. Man könne noch einiges von den Bienen lernen – wird auch gern gesagt. In Redewendungen zeigen sich Denkgewohnheiten. Im Wort „Naturschutz“ steckt ein Bild: der Mensch als verantwortungsvoller Betreuer der hilflosen Natur. Aber wer die Natur sprachlich als schutzbedürftig zeichnet, positioniert sich selbst außerhalb von ihr.
Was können wir von der Pflanze lernen? Sie nimmt stumm hin, dass sie hier verdursten wird. Ihre älteren Geschwister lassen sich ebenso widerstandslos abholzen. Bis das Klima kippt. Das nehmen die allermeisten Menschen auch schweigend hin. Wenn dann doch einige von öko-suizidalem Verhalten sprechen – Mensch und Natur zusammen denken – warum ernten sie dann einen Shitstorm?
Text: Paul Reszke

Bühne frei für die Natur (erzählen)

Langzeittheater "Die Welt ohne uns": Pflanze vor dem Verdorren in der Mikrowelle

Kann die Natur selbst den Klimawandel erzählen? Ist es angemessen, dass bei diesem Thema Menschen die Protagonisten bleiben? Kann die Natur selbst zum Protagonisten werden? Derartige Fragen griff das Langzeittheaterstück „Die Welt ohne uns“ (2010–2015)[1] auf und setzte Pflanzen als Repräsentanten des Klimawandels ein. Als Teil der Performance wurde eine Topfpflanze in einer Mikrowelle zum Vertrocknen gebracht, um die Auswirkungen der Klimaerwärmung zu inszenieren. Die Folge: Empörung und Ergriffenheit beim Publikum.
Andere mediale Beschäftigungen mit der Pflanzenwelt setzen ebenfalls auf Emotionalisierung und Ästhetisierung, um der Natur eine Stimme zu verleihen, wie etwa bei Mobbing-Experimenten mit Topfpflanzen (IKEA, Galileo) oder in der Dokumentation „Das geheime Leben der Bäume“.[2] Können Topfpflanzen oder ganze Wälder mittels Emotionen erzählen?
Text: Leona Knobel

Apathische Topfpflanze (nachdenken)

Objekt 50b Topfpflanze am Tag der Ausstellungseröffnung (Foto Nicole Kasper).

Vielleicht sind Topfpflanzen das Sinnbild für den menschlichen Trieb, sich die Natur einzuverleiben. Wir leben in modernen Gebäuden und wollen dennoch unser Leben mit Pflanzen dekorieren. Es stellt sich die Frage, was wir eigentlich über Pflanzen wissen: Können sie untereinander kommunizieren, oder sogar mit uns? Haben sie Bewusstsein? Empfinden sie Schmerz? Was unterscheidet Pflanzen von Tieren – und von Menschen?

Stört es Sie, dass diese Pflanze während der Ausstellung sterben wird, und wenn nicht, warum? Wir haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir vergessen, unsere Zimmerpflanzen zu wässern, doch wir leiten daraus nicht ab, dass Pflanzen moralisch relevant sein sollten. Unser Wissen über die Natur beeinflusst unseren Umgang mit ihr. Aber jeder Versuch, diese zu verstehen, birgt die Gefahr, sie aus unserem menschlichen Blickwinkel zu überschätzen – oder zu unterschätzen?[3]
Text: Martin Böhnert & Leona Knobel

Weiterführendes

  • Rausch, Tobias (2019): Schauspiele jenseits des Menschen. In: NachtKritik.de. Online, zuletzt abgerufen am 07.10.2021.

Ausstellung „Wunderkammer modern. 50 Jahre – 50 Objekte“

Bewerbung der Ausstellung an der Außenwand des Stadtmuseums Kassel.

Anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 50. Jubiläum der Universität Kassel, findet vom 14. Oktober 2021 bis zum 18. April 2022 die Sonderausstellung Wunderkammer modern. 50 Jahre – 50 Objekte im Stadtmuseum Kassel statt. Im Rahmen dieser Ausstellung wird anhand von 50 Ausstellungsobjekten „ein halbes Jahrhundert Geschichte“[4] der Universität Kassel erzählt.

Belege

  1. Begrich, Aljoscha; Rausch, Tobias (2010-2015): Die Welt ohne uns. Botanisches Langzeittheater. Schauspielhaus Hannover: Lunatiks.
  2. Adolph, Jörg; Haft, Jan (2020): Das geheime Leben der Bäume. Deutschland: Constantin Film. Die Dokumentation basiert auf dem gleichnamigen Buch des Autors Peter Wohlleben ( Wohlleben, Peter (2015): Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren - die Entdeckung einer verborgenen Welt. München: Ludwig Verlag. )
  3. Vgl. zu dieser Gedankenfigur auch die Überlegungen des Primatologen Frans de Waal: „What kind of risk are we willing to take, the risk of underestimating animal mental life or the risk of overestimating it? There is a symmetry between anthropomorphism and anthropodenial, and since each has its strengths and weaknesses, there is no simple answer“ ( de Waal, Frans (2006): Primates and Philosophers: How Morality Evolved. Princeton: Princeton University Press, S. 67.
  4. Sitt, Martina (2020): Sonderausstellung "Wunderkammer modern. 50 Jahre – 50 Objekte". Universität Kassel im Stadtmuseum. In: Universität Kassel. Online, zuletzt abgerufen am 09.08.2021.



Autor*innen

Erstfassung: Felix Böhm, Martin Böhnert, Anna Meywirth und Paul Reszke am 14.10.2021. Den genauen Verlauf aller Bearbeitungsschritte können Sie der Versionsgeschichte des Artikels entnehmen; mögliche inhaltliche Diskussionen sind auf der Diskussionsseite einsehbar.

Zitiervorlage:
Böhm, Felix et al. (2021): Objekt 50b Topfpflanze. In: Böhm, Felix; Böhnert, Martin; Reszke, Paul (Hrsg.): Climate Thinking – Ein Living Handbook. Kassel: Universität Kassel. URL=https://wiki.climate-thinking.de/index.php?title=Objekt 50b Topfpflanze, zuletzt abgerufen am 05.12.2022.